Die Diagnose

Es ist schon interessant, wie sich nicht nur die Krankheit heimlich und leise im Körper einnistet und sich gefährlich lange Zeit nimmt, um sich bemerkbar zu machen, sondern auch der Verstand fast ebenso lange braucht, bis er realisiert, was die Diagnose Krebs bedeutet. Burckitt-Lymphom also. Ich wette, dass sie, liebe Leserinnen und Leser, sich unter diesem Begriff bislang ebenso wenig vorstellen konnten wie ich noch vor zwei Wochen. Vor zwei Wochen dachte ich nämlich, ich litte unter Hämorrhoiden und einer Magenverstimmung, kein Gedanke lag mir ferner als jener, dass da ein bösartiges Lymphom in meinem Darm heranwachsen würde. Dann, nach einer Coloskopie, wusste ich, dass dort etwas war, was da nicht hingehörte, es hatte sich genau am Übergang zwischen Magen und Darm gemütlich eingerichtet und drohte, diesen Übergang zu verschließen. Das Ding musste also raus, aber noch dachte ich und mit mir auch die Ärzteschaft, es könne sich um eine harmlose Gewebsentzündung handeln, nicht schlimmer als ein Haarball im Magen einer Katze. Eine Biopsie ergab jedoch, dass das Teil ein Lymphom war, ein Krebsgeschwür, und so gab es gleich noch einen weiteren guten Grund, es zu entfernen, woraufhin ich 30 Zentimeter meines Darms auf dem Operationstisch einbüßte. Schon zwei Tage danach hatte ich wieder normalen Stuhlgang und konnte halbwegs menschenwürdiges Essen zu mir nehmen. Ich war verblüfft, zu welchen Leistungen die moderne Chirurgie mittlerweile imstande ist und zog meinen sprichwörtlichen Hut vor der Ärzteschaft. Ich meine, come on! Die schmippeln einem ein gutes Stück Darm raus, nähen die Enden wieder aneinander und ein paar Tage später tut der Körper so, als wäre nichts gewesen? Das ist beeindruckend!

Dann kam die Diagnose. Burckitt-Lymphom also. Hm. Das Internet sagt dazu, dass diese Krebsart vor allem in Afrika auftritt und bei HIV-Patienten im Endstadium. Da ich weder Afrikaner bin, noch HIV-positiv, blieb mir nichts anders übrig, als ein wenig zu bedauern, nicht verantwortungslosen ungeschützten Sex in Massen gehabt und kiloweise Heroin per Needle-Sharing konsumiert zu haben, denn dann könnte ich wenigstens mit meinem moralischen Finger auf diesen Lebenswandel zeigen, in den Spiegel gucken und ausrufen: “Ha, das hast du jetzt davon, du Junkie-Hurenbock!” Aber mir bleibt nur der Schwache Trost all jener Krebspatienten, die nichts für ihre Krankheit können, dieser Seufzer der Gebeutelten. “C`est la vie”, oder “Kismet”, oder “was soll man da machen”.

Ich gehöre zu den glücklichen Krebspatienten. Mein böser Zellhaufen wurde rechtzeitig entdeckt, in einem Frühstadium, und die Ärzte bescheinigen mir beste Heilungschancen. Freilich hat Asklepios vor die Genesung die Chemotherapie gesetzt, und die wird bei mir schätzungsweise acht Monate dauern. Acht Monate! Und einen großen Teil dieser acht Monate werde ich auf der Isolierstation verbringen, in einem sterilen Zimmer, allein. Die Haare werden mir ausfallen, meine Schleimhäute werden austrocknen, Wunden werden an Stellen auftreten, wo man sie am wenigsten gebrauchen kann, ich werde schwach werden, launisch, verärgert, deprimiert, und ich werde mich hilflos fühlen wie ein Baby oder ein gebrechlicher Greis. Aber diese Straße hat keine Gabelungen, diese Autobahn hat keine Abfahrten. Es gibt nur die Wahl zwischen Chemotherapie oder Tod. Eine Wahl, die nicht schwer fällt. Ich werde ertragen, was auch immer ich zu ertragen haben werde, aber vermutlich werde ich jammern und flehen und betteln, vielleicht sogar beten, und nein, dafür werde ich mich nicht schämen. Ich bin ein Mensch, ich bin krank, ich habe das Recht zu Quängeln und zu Fluchen.

Und ich habe das gute Recht, über meine Krankheit Tagebuch zu führen, was der Zweck dieses Blogs ist. Ich kann und will keine Updatefrequenz festlegen, denn es wird Tage geben, an denen ich nicht mal mehr den Laptop aufklappen wollen werde. Doch ich verspreche, es zu versuchen. Am 27. April geht meine Behandlung los, ab dann werde ich mein Krebstagebuch mit Inhalt füllen. Und ich hoffe, dass ich dieses Blog nach acht Monaten oder spätestens einem jahr schließen werde können – aus eigener Kraft und als gesundeter Mensch.

7 Antworten zu Die Diagnose

  1. Danke für das Einrichten des Tagebuchs, Deine Fans wollen schließlich wissen wie es Dir geht.
    Pass auf Dich auf!

  2. …wirst du, keine sorge, wirst du, lieber lindwurm :)

  3. Meine Güte, acht Monate? Das ist echt heftig.

    Da kann man dir nur weiterhin alles Gute wünschen, du wirst das durchstehen und den Krebs in den Arsch treten!

  4. bin mir sicher, du wirst diese schwere zeit durchstehen.

    das vielleicht einzig positive an deiner erkrankung: deine sicher exzellenten Beiträge werden möglicherweise auf das Schicksal von Menschen in deiner Situation aufmerksam machen

    solange man selbst gesund ist, will man mit dem Thema Krankheit nichts zu tun haben.

    Hoffe du wirst sowohl Kranken Mut machen – als auch uns (noch) Gesunden (früher oder später trifft es uns alle) dazu bewegen mehr hinzuschauen und so die Isolation und den Scham, mit dem wohl viele Kranke zu kämpfen haben, ein wenig zu überwinden

  5. höchste anerkennung für deinen mut und deine tapferkeit.
    ich glaube aber, viele werden in diesen schweren zeiten mit dir sein und mitfühlen.
    die allerbesten wünsche aus tirol!

  6. Hoi Lindwurm

    Viil charft und beschti genesiig wünscht där dä böre us züri!Alleäs guäti!

  7. ich hab dir ein mail geschickt, vielleicht kann es dir ja helfen!

    von ganzem herzen alles gute!

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